
STARS.at:
Hallo Beatriz, von wo aus meldest du dich gerade – bist du in München?
Beatriz:
Ja, ich bin in München. Ich bin gerade in der Probenzeit für eine Produktion, die wir im März machen werden – „Auf und Ab“. Das ist eine Produktion mit zwei verschiedenen Opern, die wir versuchen zusammenzuführen. Heute hatten wir sogar frei, das war sehr schön.
STARS.at:
Erinnerst du dich an den Moment, in dem dir klar wurde: Singen wird mein Weg – nicht nur als Interesse, sondern als Berufung?
Beatriz:
Ich glaube, das hat sich eher während meines Masters herauskristallisiert. Ich habe vor meinem aktuellen Master bereits einen anderen Master gemacht – in Pädagogik, also im Unterrichten. In dieser Zeit war ich im Praktikum, aber gleichzeitig begann ich, Opern auf der Bühne zu singen. Diese Kombination war der Moment, in dem ich gespürt habe: Das ist das, was ich wirklich in meinem Leben machen will.
Nicht nur meine Stimme anderen zu geben oder ihnen zu helfen, ihre Stimme zu finden – sondern auch meine eigene Stimme auf der Bühne zu präsentieren. Und ich habe gemerkt: Das kann auch ein Weg sein, andere für Musik zu begeistern und zu motivieren. Das war etwa 2018 oder 2019, also noch vor COVID.
STARS.at:
Das war also eher ein inneres Gefühl und nicht primär etwas, das von außen kam?
Beatriz:
Von außen hat es natürlich auch geholfen. Ich habe ursprünglich nicht mit Gesang begonnen – mein Musikstudium startete mit der Querflöte. Aber ich war zu alt, um am Konservatorium mit Flöte einzusteigen, und so bin ich zum Gesang gewechselt.
Mein Professor hat mich dann motiviert, die Aufnahmeprüfungen für die Universität zu versuchen. Ich habe es probiert – und es lief sehr gut. Das war der Moment, in dem ich entschieden habe, Musik als berufliche Richtung zu wählen. Die wirkliche Gewissheit, dass es meine Berufung ist, kam aber erst im Master.
Stimme & Identität
STARS.at:
Deine Stimme wird oft als klar, präzise und zugleich sehr lebendig beschrieben. Kannst du dich mit dieser Beschreibung identifizieren?
Beatriz:
Das ist eine interessante Frage. Ich kann mich mit dieser Beschreibung identifizieren, aber das war ein langer Weg. Am Anfang war Singen für mich wirklich schwierig.
Heute denke ich nicht mehr ständig: „So klingt meine Stimme, so sollte sie klingen.“ Ich versuche, so gesund wie möglich zu singen – und dabei Freude zu empfinden. Nicht nach dem Prinzip: „Ich muss genau so singen, weil dieses Repertoire es verlangt.“ Ich singe so, wie es sich für mich am besten anfühlt, und so, wie ich glaube, dass es dem Repertoire am meisten dient.
STARS.at:
Verändert sich die Beziehung zu deiner Stimme mit wachsender Erfahrung?
Beatriz:
Absolut. Nach fast 14 Jahren Singen fühle ich mich jetzt wirklich wohl mit meiner Stimme. Für mich gibt es drei Ebenen, die zusammenkommen müssen: die Stimme, der Körper und die Performance.
Ausbildung: Von Portugal nach Deutschland
STARS.at:
Du hast deine Ausbildung in Portugal begonnen und setzt sie nun in Deutschland auf höchstem Niveau fort. Was hat dieser Wechsel künstlerisch verändert?
Beatriz:
Es war eine komplette Veränderung. Das ist erst mein zweites Jahr in Deutschland. Davor war ich immer in Portugal, ich habe nur einzelne Sommerkurse im Ausland gemacht – in Wien und auch einmal in Deutschland.
Jetzt bin ich zum ersten Mal wirklich „voll“ hier und sauge Kultur und Ideen auf. Das hat meine Sichtweise verändert. Portugal hat viele Musikerinnen und Musiker, viele Künstler – aber es ist leider kein Land, das einen stark dabei unterstützt, eine Karriere aufzubauen.
Ich hatte in Portugal glücklicherweise einige Möglichkeiten, auf der Bühne zu singen. Aber viele Kolleginnen und Kollegen haben diese Chancen nicht. Als ich hier ankam, hatte ich das Gefühl: Alles, was ich mir vorgestellt habe, stimmt – und es ist möglich, sogar mehr, als ich erwartet hatte.
Für mich war das auch eine Klärung: Bleibe ich auf der Unterrichtsseite, oder entwickle ich meine Bühnenkarriere weiter?
STARS.at:
Gab es eine Erkenntnis, die deine Art zu singen oder zu arbeiten grundlegend verändert hat?
Beatriz:
Ja. Ich studiere an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Ein zentraler Teil des Masters ist, so viel wie möglich auf der Bühne zu stehen: spielen, Probenprozesse, Schauspieltraining. Genau das hat mir in Portugal gefehlt – dieses konstante „Bühne, Bühne, Bühne“. Das war ein Wendepunkt und ein Auslöser für viel Entwicklung.
Bühne, Druck & Selbstschutz
STARS.at:
War das anfangs bequem – oder etwas, an das du dich gewöhnen musstest?
Beatriz:
Es war eine Herausforderung. Ich war es gewohnt, auf eine bestimmte Weise auf der Bühne zu sein, und plötzlich musste ich vieles verändern und mich auf Dinge einlassen, die mir fremd waren.
Aber nichts davon war schlecht für meinen Fortschritt. Ich habe viel gelernt – auch aus Momenten, die sehr erschöpfend und intensiv waren. Ich habe gelernt, mich zu organisieren und mich zu schützen: nicht ständig Stimme zu geben, den Zeitplan zu managen, zu ruhen, gut zu essen, Sport zu machen – und auch psychologische Unterstützung anzunehmen. Das ist alles wichtig, und man lernt es oft erst durch Erfahrung.
STARS.at:
Das klingt sehr intensiv. Gerade ohne Unterstützung kann das überwältigend sein.
Beatriz:
Ja. Ich bin sehr dankbar für meine Familie. Meine ganze Familie ist in Portugal. Ich bin die erste Musikerin in der Familie. Mein Bruder ist auch Musiker, aber er ist jünger. Am Anfang war es schwer, weil niemand diese Welt wirklich kannte. Heute verstehen sie mehr, weil sie sich bemüht haben.
Es ist emotional herausfordernd, mit Erwartungen umzugehen – von außen und die eigenen. Deshalb ist ein gutes Support-System so wichtig: nicht nur beruflich, sondern auch privat.
Wettbewerb: Hauptpreis und Publikumspreis
STARS.at:
Beim Wiener Graduiertenvorsingen hast du sowohl den Haupt- als auch den Publikumspreis gewonnen – eine seltene Kombination. Was bedeutet dir diese doppelte Resonanz?
Beatriz:
Das ist mir schon einmal in Portugal passiert, bei einem Wettbewerb. Dort war es auch so, dass es professionelle Standards gab – Technik, Musikalität, Schauspiel, alles – aus Sicht einer Jury. Den ersten Preis von einer Jury zu bekommen war für mich ein Zeichen: Ich bin auf einem guten Weg.
Der Publikumspreis bedeutet etwas anderes: Dort sitzen Menschen, die nicht „bewerten“, sondern zuhören. Für mich war das ein Zeichen, dass ich nicht nur als Sängerin wirke, sondern auch als Mensch – dass ich Menschen berühren kann.
Wenn „etwas übernimmt“: der Moment auf der Bühne
STARS.at:
Viele Sängerinnen und Sänger sprechen von einem Moment, in dem auf der Bühne „etwas übernimmt“. Kennst du diesen Zustand?
Beatriz:
Ja – und zum Glück kenne ich ihn. Man versteht ihn nur, wenn man ihn erlebt. Es fühlt sich an, als würde man in eine andere Dimension gehen. Fast übernatürlich.
Ich bin Beatriz, ich singe mit meiner Stimme – aber ich gebe Körper und Stimme einer Rolle, einer anderen Person. Man muss manchmal die eigene Persönlichkeit loslassen, um einer Figur Leben zu geben. Ich glaube, deshalb will ich auf der Bühne bleiben: Dieses Gefühl ist unglaublich.
Und es hilft auch mir als Person. Es kann fast wie Therapie sein, weil man sich selbst auf eine neue Weise begegnet – manchmal auch an Orten, an die man nicht unbedingt gehen möchte.
STARS.at:
Kann man diesen Zustand trainieren – oder muss man ihn eher zulassen?
Beatriz:
Ich denke, beides. Manche Menschen sind offener dafür. Aber man kann daran arbeiten – das weiß ich, auch aus meiner Erfahrung als Lehrerin. Gerade Jugendliche finden es am Anfang schwer, etwas von sich selbst loszulassen. Aber sie können es lernen. Ich erinnere mich, dass Schüler am Ende sagten: „Ich weiß nicht mehr, was ich gemacht habe – aber ich weiß, es war gut.“
Repertoire: Strategie oder Intuition?
STARS.at:
Du bist besonders im Mozart- und Koloraturfach präsent. Wie triffst du Repertoire-Entscheidungen – strategisch oder intuitiv?
Beatriz:
Spannend – ich war mir selbst nicht sicher. Normalerweise bin ich rational. Aber in den letzten Jahren war es eher intuitiv.
Gleichzeitig bin ich sehr organisiert: Ich gehe selten in etwas hinein, ohne zu wissen, wie die Abläufe sind, wie viel Zeit ich habe, wie ich mich vorbereiten kann. Ich sage nicht sofort „Nein“. Ich probiere es. Wenn es nicht passt, sage ich „Nein“ oder „noch nicht“.
Zum Beispiel: Traviata ist eine Rolle, die mich interessiert, aber ich weiß nicht, ob sie jetzt schon für mich richtig ist. Vielleicht in ein paar Jahren. Aber ich sage nicht „Nein“ dazu, sie bereits zu lernen, damit sie später bereit ist.
STARS.at:
Gibt es Rollen, zu denen du bewusst „Nein“ sagst – zumindest im Moment?
Beatriz:
Wenn ein Team sagt, es vertraut mir und glaubt, dass ich eine Rolle tragen kann, dann probiere ich es. Aber wenn ich mich nicht wohlfühle, sage ich nein – weil wir nur eine Stimme haben. Man kann keine neuen Stimmbänder kaufen.
Und es geht nicht nur um die Stimme, sondern auch um Körper und Kopf. Manchmal ist es die emotionale Dichte einer Rolle, die schwierig ist. Ich habe zum Beispiel einmal Juliette ausprobiert: Die zweite Arie kann ich singen – aber sobald Emotion dazukommt, ist es völlig anders. Mein Körper kann das dann nicht halten. Genau deshalb muss man bei Entscheidungen sehr vorsichtig sein – stimmlich, körperlich und mental.
Opernstudio Wiener Staatsoper: Erwartungen & Ziele
STARS.at:
Ab der Saison 2026/27 wirst du Teil des Opernstudios der Wiener Staatsoper sein. Was hoffst du aus dieser Zeit mitzunehmen – künstlerisch und persönlich?
Beatriz:
Ich habe in Portugal vier Jahre unterrichtet und dann gekündigt, um nach Deutschland zu gehen. Ich habe mich bei verschiedenen Opernstudios beworben, aber ohne Erfolg. Dann dachte ich: Ich mache einen Master – vielleicht wird es dann leichter.
Ich habe mich schon vor vier Jahren beim Opernstudio in Wien beworben, das war mein erster Versuch. Jetzt, nach dem Master und mit dieser Zusage, fühlt es sich an, als ob die Zeit richtig war.
Ich erwarte mir vor allem Bühnenerfahrung – aber auf dem Level, das ich wirklich wollte. Natürlich wird die Realität nochmal etwas anderes sein: ob man sie halten kann, merkt man erst, wenn man es tut.
Für mich ist das die höchste Stufe an Chance und Erfahrung: auf dieser Bühne zu stehen, umgeben von großartigen Kolleginnen und Kollegen und einem großen Team. Es sind nicht nur die Solisten – es ist der Chor, das Orchester, alle Menschen hinter und auf der Bühne.
Meine Erwartungen sind hoch. Ich spüre auch schon Druck, weil viele Rollen, die ich schon seit der Schulzeit im Kopf hatte, jetzt Realität werden. Wenn man es romantisch sagen will: ein Traum wird wahr.
Ich habe auch schon mit Adrian Eröd gesprochen, der bei uns für das Opernstudio verantwortlich ist. Ich mag sehr, wie er darüber spricht und welche Ideen er für unseren Jahrgang hat. Ich freue mich sehr.
Blick nach vorn: Woran erkennst du, dass du „richtig“ unterwegs bist?
STARS.at:
Wenn du fünf Jahre in die Zukunft schaust: Was wäre ein Zeichen, dass sich deine Karriere in die richtige Richtung entwickelt – unabhängig von Titeln oder Häusern?
Beatriz:
Erstens: noch eine Stimme zu haben. [lacht] Das wäre schön.
Zweitens: dass ich glücklich bleibe mit dem, was ich tue – dass meine Motivation weiter da ist, zu singen.
Und drittens: mir auch privat ein eigenes Leben aufzubauen – eine Familie, einen sicheren Raum. Nicht nur eine „Familie“ auf der Bühne, sondern auch im persönlichen Leben. Für mich ist dieser Safe Space sehr wichtig.
Abschluss: Ein Satz für junge Sänger*innen
STARS.at:
Wenn du einer jungen Sängerin oder einem jungen Sänger einen einzigen Satz mitgeben könntest, der nichts mit Technik zu tun hat – welcher wäre das?
Beatriz:
Geh nicht nur nach dem, was andere sagen. Geh auch nach deinem Bauchgefühl.
Wenn etwas in dir ist und eine Idee immer wieder kommt – auch wenn andere sagen: „Nein, du musst diesen Weg gehen“ – dann probier es. Vielleicht klappt es nicht, aber vielleicht kann es klappen.
STARS.at:
Das war’s – vielen Dank für dieses Gespräch und für die Einblicke in deinen künstlerischen Weg und dein persönliches Leben.
Beatriz:
Danke dir, es war mir ein Vergnügen.

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